
Mit Dr. Rudolf Steiner Begründerin der Anthroposophischen Medizin
Co-Autorin des Werkes „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geistes-wissenschaftlichen Erkenntnissen“
Die Heilkunst und die Göttin Natura
von Dr. med. ita Wegman
Will man wirklich wissen, was Heilen bedeutet, so ist vor allem nötig, sich klar zu machen, dass Heilen ein leeres Wort ist, wenn nicht das Verständnis für die Beziehungen zwischen Mensch, Welt und Erde, das in alten Zeiten bei den Priesterweisen, die zugleich Heiler waren, in so hohem Masse da war, wieder hergestellt wird.
Diese Beziehungen vom Menschen zum Kosmos, zu Planeten, Sternen, Sonne und Mond, zu der Erde mit ihren Naturreichen, waren denjenigen, die Unterricht in den Mysterienschulen bekamen, geläufig. Das Naturerkennen war gegründet auf das Wissen von diesen Beziehungen. Das Suchen nach dem Naturerkennen war zugleich ein Suchen nach dem Geiste, der nicht gefunden werden kann, wenn nicht zugleich Umwandlungen im Menschen selbst hervorgerufen werden. Deswegen begann der Lehrer in alter Zeit damit den Unterricht, dass er die zu Belehrenden direkt dazu führte, den Zusammenhang, der besteht zwischen Mensch und Naturreichen, in sich zum Erleben zu bringen. Es wurde damit den Menschen ein bestimmter Initiationsweg vorgezeichnet, der ihnen die Geheimnisse der Natur in den Pflanzen, den Mineralien, den Tieren und die Geheimnisse des Menschen selber offenbaren sollte. Und es war in der damaligen Zeit in den Menschen noch unbedingt lebendig das V issen, dass der Weg zur Wclterkenntnis durch Selbsterkenntnis führt. Diese Selbsterkenntnis ist der allererste Anfang jenes Initiationsweges, der schliesslich den Menschen in die weiten, universellen Geheimnisse des Daseins führt. Und von diesem Initiationsweg erzählt uns Rudolf Steiner.
Wenn der Mensch die physische Welt betrachtet, so hat er um sich herum die Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer, die er dann erleben kann in den Empfindungen trocken, kalt-feucht, luftig und warm. Hatte er sich eine genaue Vorstellung davon gemacht, dann wusste er auch, dass das Luftig-Warme eigentlich zu ihm gehört, dass darin seine ureigene Wesenheit lebt, während er das Kalt-Feuchte, das Trockene als äusser ihm und als fremd empfand. In die Wärme sich versenken, gab dem Menschen das Gefühl, das ihn verband mit dem Gott in ihm, er geriet in Begeisterung und in der Begeisterung wurde er über sich erhoben. In dem Kalt-Feuchten fühlte er das Unangenehme, bis Schauer-Erregende, das er nicht zu sich gehörig empfand, sondern äusser sich, und von dem er wusste, dass ein solches Gefühl nicht zu den Göttern der Oberwelt, sondern der Unterwelt führte. Man erlebte in diesem Kalt-Feuchten die Furcht, im Gegensatz dazu in der Wärme die Begeisterung. Durch diese Gegensätze von Warm und Kalt, von Begeisterung und Furcht wurden die Beziehungen des Menschen zu den Elementen hergestellt und das führte ihn tief zum Hineinschauen in das Leben der Naturreiche. Man kam dann zu den Pflanzen-, Metall- und Tiererkenntnissen. Denn dadurch entsteht ja gerade das Leben der Pflanzen, dass diese Gegensätze von Kalt-Feucht und Luftig- Warm, in denen geistige Wesenheiten, Elementarwesenheiten wirken, miteinander in Beziehung treten.
Aber das Pflanzengeheimnis wird erst ganz verstanden, wenn man weiss, dass die Pflanze nicht auf Erden, so wie die Erde jetzt ist, entstanden ist, sondern in dem früheren Mondzustand der Erde, als alles statt im festen noch im flüssigen Zustand sich befand und die Verschiedenheit der Pflanzen und Blüten erzeugt wurde durch die wechselnde Beziehung des Mondes zu den Tierkreisbildern, so dass der Mond, stehend vor dem Skorpion, der Pflanze eine andere Gestalt gab, als wenn er vor den Zwillingen oder der Jungfrau stand. Und der Duft der Blumen ist eigentlich Weltenaroma, der in dem Blumenkelch festgehalten wird und von den Planeten herkommt. So kommt der Veilchenduft von der Venus, dagegen der Geruch von Asa foetida vom Saturn her. Da die Pflanze aus dem Wässerigen im Mondenzustand entstanden ist und später zum Erdendasein sich verdichtet hat, besteht sie aus physischem Leib und Ätherleib, der ja mit dem wässerigen Element zusammenhängt. Also derjenige, der mit Heilersinn und Initiationswissenschaft an die Pflanzen herangeht, sieht ihre Verwandtschaft zum menschlichen Ätherleib ohne weiteres klar, weiss auch den Zusammenhang der verschiedenen Pflanzen mit den menschlichen Organen, der wiederum durch die Wirkung der Planeten bestimmt wird. So trägt jede Pflanze eine Signatur, eine Signatur, die man erkennen kann, wenn man die Sprache des Kosmos verstehen und das Buch der Natur lesen lernt.
Nach dem Erleben der Elemente folgte das Bekanntwerden mit den Geheimnissen der Planeten, an die der Mensch wieder mit dem vertieften Empfindungsleben, zu dem er angeleitet wurde, herantreten sollte. Es wurde ihm geoffenbart, dass die Metalle Repräsentanten der Planeten seien, die erst auf der Erde sich verdichtet, feste Form angenommen haben, vorher aber in flüssigem Zustand sich befanden auf dem Mondendasein der Erde und noch früher in luftförmigem auf dem Sonnendasein der Erde. Die Hauptmetalle, Blei, Zinn, Eisen, Gold, Kupfer, Quecksilber und Silber enthüllen ihre Wesensgeheimnisse, die bis zu den Planeten hinführen. Es wurde der Schüler der Mysterien angeleitet, sich in die Substanzen der Metalle zu vertiefen, sich mit den Farben und Eigenschaften der Metalle zu vereinigen und zu leben, wodurch man aus dem gewöhnlichen wachen Bewusstseinszustand in einen anderen versetzt wurde, in dem sich Saturn-, Sonnen- und Mondendasein einem enthüllen konnten. Das Bleigrau des Bleis konnte einen versetzen in die Saturnnatur, das strahlende warme Gelb des Goldes in Beziehung mit der Sonne bringen, der matte Glanz des Silbers mit dem Monde und das leuchtende, schillernde Rot-grün des Kupfers die Venusnatur zum Erlebnis bringen. Es klärte das Zinn über den Jupiter, das Eisen über den Mars, das Quecksilber über den Merkur auf, und es wurde auch gelehrt, dass die Verdichtung der Metalle auf Erden nur entstehen kann, wenn bestimmte Planetenkonstellationen auf einen Punkt der Erde besonders günstig wirken können, wenn Kräfte des Saturns z. B., des Jupiters oder des Mars, Kräfte also aus der Umgebung der Erde, auf die Substanz der Erde einwirken, sodass je nachdem Blei, Zinn oder Eisen sich bildet. Wirken aber verschiedene Planeten zusammen auf eine bestimmte Erdensubstanz, dann entstehen nicht die Hauptmetalle, sondern die weniger repräsentativen, wie Antimon, Arsen, Zink usw.
Und dann durfte der Schüler vorschreiten zum Erleben der Tierkreisgeheimnisse, die mit dem Menschen selber Zusammenhängen, denn die 12 Tierkreisbilder spiegeln sich in der Gestalt des Menschen. Lernte man zuerst die Zusammenhänge des Mondes mit den Pflanzen kennen, die Zusammenhänge der Planeten mit den Metallen, so lernte man jetzt das Menschengeheimnis durch den Tierkreis kennen. Denn dadurch, dass der Tierkreis auf die Elemente der Erde wirkt, dadurch, dass das Planetensystem mit Sonne und Mond beeinflusst die Wirkungen des Tierkreises, sie modifiziert durch Verstärkung oder Abschwächung, Bewegung bringt in die Elemente, wodurch klimatische Unterschiede entstehen, die dann wieder tief eingreifen in das Leben des Menschen, dadurch sind entstanden die verschiedenen Gestaltungen des Menschen auf der Erde. Und es war in der damaligen Zeit möglich, aus der Physiognomie des Menschen die Wirkungen der Tierkreisbilder, gestärkt oder geschwächt durch die Planeten, zu lesen, und es war die Physiognomie richtungweisend in der Beurteilung des Menschen und seines Temperamentes. Es war ein Wissen da von allen diesen Dingen und der Heiler, der in dem vertieften Empfindungsleben sich übte, die geheimnisvollen Zusammenhänge zu finden und zu verstehen, konnte in der Physiognomie des Kranken, in der Form des Gesichtes, der Nase, des Schädels, der ganzen Gestalt, in der Anordnung der Haare erkennen, unter welchen kosmischen Einflüssen der Mensch stand und dann auch das Heilmittel finden, sowie aus diesen Zusammenhängen heraus vorsorgend das Krankmachende von ihm entfernen. Er wusste, der Heiler, dass ein melancholisches Temperament mit dem Erdhaften, mit dem Wurzelhaften zu tun hat, das Phlegmatische mit dem Wässerigen, mit dem Gestaltenden in Stengel und Blättern der Pflanzen, das Cholerische mit dem Feurigen, mit der Blüte und dem Samenhaften der Pflanzen, das Sanguinische mit dem Luftartigen, das das eine Mal mehr mit den Blüten, das andere Mal mehr mit den Blättern Zusammenhänge Ein tiefes Menschenerkennen musste er sich aneignen, da jeder Mensch eine Mischung der vier Temperamente in sich hat, aber doch eins der vier Temperamente als vorherrschend in ihm lebt. Auch die Krankheiten wirken sich anders aus, je nachdem, welches von diesen Temperamenten vorherrschend ist. Die Heilungstendenzen eines phlegmatischen Temperamentes sind viel geringer als die eines cholerischen z. B., und auch die Art der Erkrankung ist eine andere. Und da die Temperamente wiederum Beziehungen haben zu den Pflanzen, so kann man aus diesen Beziehungen herausfinden dasjenige Heilmittel, das ihm dann wieder dasjenige gibt, was ihm fehlt. Man gibt z. B. dem Melancholiker gern Phosphoriges, d. h. ein Heilmittel, das aus der Blüte oder dem Samen der Pflanze hergestellt ist, oder das Element Phosphor selber, um ein Gegengewicht zu dem Wurzelhaften zu schaffen; so wie man auch ein Salziges oder Wurzelhaftes gern einem Choleriker gibt, um das, was mit dem Blütenhaften, mit dem Feurigen zusammenhängt, abzudämpfen; während das Merkuriale dazwischenstehend auf die mittleren Temperamente, auf das sanguinische und phlegmatische wirkt.
Nun wurde der Mensch dazu geführt, in dem Wärmeelement sein Menschtum zu empfinden und es wurde ihm dann offenbart, dass er aus der Wärme aus der Wärmeäther im Saturn Dasein sich gebildet hatte, und erst im Erdendasein sich verdichtete; er konnte mit den Empfindungen, die er zu allererst sich eigen machte, mit den Empfindungen des Warm-Luftigen, des Kalt-Feuchten, die geheimnisvollen Zusammenhänge des Tierkreises mit den Menschen, die aus der Wärme entstanden sind, die Geheimnisse der Planeten mit den zu ihnen gehörigen Metallen, die aus dem Luftförmigen im Sonnendasein der Erde entstanden sind, die Geheimnisse des Mondes mit den Pflanzen, die aus dem Wasser sich gebildet haben, erleben.
Das Geistig-Seelische des Menschen hängt mit dem Warm-Luftigen, das Ätherisch-Physische mit dem Kalt-Feuchten zusammen. Und bei der Beurteilung von allem, was an ihn herankam, kam es darauf an, zu wissen, wie viel in einem vom Warm-Luftigen oder vom Kalt- Feuchten war. Und das Fortschreiten der Entwicklung bestand darin, dass stets mehr und mehr das Geistig-Seelische, das Warm-Luftige in dem Menschen Zugang fand und dass so viel Geistig-Seelisches, so viel Warm-Luftiges in ihm war, dass er sich ohne Gefahr mit dem Kalt- Feuchten verbinden konnte, das heisst: Hinabsteigen in das Reich der Natur, ohne sich zu verlieren. Es war dann Persephone, unter deren Führung man herunterstieg, Persephone, die einem die Geheimnisse der Natur offenbarte. Dieser Art war der Unterricht, den ein Mysterien- schüler empfing, den Aristoteles oder Plato, die im Mysterienwissen eingeweiht waren, ihren Schülern gaben. Obgleich die Mysterienschulen physisch verschwanden, blieb die Initiationswissenschaft, die im sozialen Leben, in der Kunst und hauptsächlich auch in der Heilkunst eine so grosse Rolle einnahm, weiter bestehen. Die Initiationswissenschaft, die mit der Heilkunst besonders zusammenhängt, setzte sich unter dem Namen Alchemie bis ins Mittelalter hinein fort. Dann kam das Zeitalter, in dem man in der Initiationswissenschaft nicht mehr sprach von Persephone, sondern von der Göttin Natura, die gleich der Persephone die lebendig schaffende Natur ist.
Das war in einer Zeit, in der schon die Naturwissenschaft nach und nach heraufkam. Die Naturgesetzmässigkeit konnte man in der damaligen Zeit, noch bis ins 13. und 14. Jahrhundert hinein, nicht so abstrakt denken wie jetzt, man vermutete, ja wusste, dass hinter der Naturgesetzmässigkeit etwas Wesenhaftes war, was in einer Imagination als Göttin erlebt wurde. Auf ihre Gebote verwandelten sich die Formen der Natur, was dann in fortschreitender Zeit mehr und mehr abstrakt als naturbeherrschende Gesetze festgelegt wurde.
Die Göttin Natura erschien dann überlebensgross dem zu Initiierenden und es wird uns von Rudolf Steiner erzählt, wie Brunetto Latini, der Lehrer Dantes, eine für sein Zeitalter typische Initiation durchmacht, zu welcher der Initiator das Geistwesen Natura war. Brunettos Erleben nahm seinen Ausgangspunkt von einer grossen Seelenerschütterung. Auf der Heimfahrt von einer Gesandtschaftsreise nach Castilien erfuhr er, als er seine Vaterstadt Florenz betreten wollte, dass die Welfen, zu denen er gehörte, besiegt worden waren. Er floh in einen Wald; dort sich verirrend, kam er in einen eigenartigen Seelenzustand, wodurch er nicht mehr im Walde sich fühlte, sondern in eine andere, ihm fremde Gegend versetzt, wo er die Imagination der Göttin Natura hatte und die Worte von ihr sprechen hörte, dass er untertauchen sollte in seine eigene Wesenheit, ganz in sich hineingehen sollte. Aus seiner eigenen Beschreibung hören wir von seinen, in seiner Imagination gehabten Erlebnissen, wie er zuerst kennen lernte die eigenen Seelenkräfte, die im Denken, Fühlen und Wollen zum Ausdrucke kommen. Diese Seelenkräfte liegen sonst tief im Unterbewussten und kommen erst herauf, wenn man sich in einen Bewusstseinszustand versetzt, der anders ist als das gewöhnliche Tagesbewusstsein. Und tiefer noch im Unterbewussten hegen in uns die Temperamente, das cholerische, melancholische, sanguinische und phlegmatische Temperament, mit denen wir eng Zusammenhängen. Um zum Erleben dieser Temperamente zu kommen, muss man noch tiefer untertauchen in seine eigene Wesenheit und dann, wenn man durch die Temperamente hindurchgegangen ist, kommt man in die noch tieferhegenden Regionen seines eigenen Selbstes, man kommt in die Region der Sinne, man erlebt sein eigenes Auge, sein eigenes Ohr, man erlebt sie von innen, wenn man tief genug heruntersteigt, man erlebt die Kräfte, die im Auge, im Ohr sich befinden, wodurch das Sehen, das Hören zu- standekommt. Eine ganz andere Welt, als die physische Welt ist, wird uns offenbar; das Auge, in das man sich versenkt hat, empfindet man als Himmelsraum, die Nervenendungen darin als Sterne und die Pupille als Mond.
Aus den Sinnenerlebnissen kommt man in die Region der 4 Elemente. Dann fühlt man sich drinnenstehend im Erdigen, Wässerigen, Luftförmigen und Wärmeartigen und erlebt dann die verschiedenartigen geistigen Wesenheiten und Naturgeister in den Elementen. Man erlebt in dem Erdigen und Wässerigen die Elementar- oder Naturgeister, und in dem Luft- und Wärmeartigen die Wesenheiten der Hierarchien, die über den Menschen stehen. Nun ist man aus sich heraus, kommt in die Region der Planeten, verbindet sich mit dem Schöpferischen im Weltall und fühlt sich wie in einem Ozean von Geistigkeit.
Kommt nun ein solcher Mensch wieder zurück in sein gewöhnliches Tagesbewusstsein, weiss er sich als Erdenmensch zu erinnern an das Erlebte, so hat er ein Wissen zur Verfügung, mit welchem er das Leben befruchten kann. Wir finden immer wieder bei den verschiedensten Initiierten diesen Weg beschrieben und als Führerin in die geistige Welt eine Frau, die so wie auch bei Brunetto Latini als die Göttin Natura bezeichnet wird.
Mit demjenigen, der heilen will, steht es nun so, dass er niemals zum Wissen einer Heilkunst kommen kann, ohne dass er sich wiederum verbindet mit dieser Initiationswissenschaft, sich in ihr unterrichten lässt oder selber den Weg in die geistigen Welten sucht.
In unserer Zeit nun, wo alles abstrakt geworden ist und jedes Wissen über die geistige Welt verloren gegangen ist, muss eine Erneuerung in die Kultur hineingebracht werden, die wiederum in das Mysterienwissen hineingeht. Erst dann können wieder alle Zweige des menschlichen Lebens zur Blüte kommen, wenn sie sich neu im- pulsieren lassen durch diese Erneuerung. Und diese Erneuerung des Geistlebens ist uns möglich gemacht dadurch, dass Rudolf Steiner die Initiationswissenschaft wieder neu belebt, neu begründet und — jung geboren aus der geistigen Welt — für das heutige Zeitalter geeignet, uns geschenkt hat.
In früheren Zeiten war es selbstverständlich, dass, wenn man zum Verstehen der Geheimnisse des Daseins kommen wollte, man an den Anfang setzte das Wissen von der Wiedergeburt, von der Reinkarnation. Jetzt muss die Lehre von der Wiedergeburt, die vergessen worden ist, wieder ins Bewusstsein gebracht und in den Vordergrund gestellt werden. In ihr steckt die Metamorphose des Lebens und diese Metamorphose des Lebens ist überall zu finden, kann überall physisch erkannt werden, so dass die physischen Beweise für das Gesetz der Wiedergeburt überall da sind, wenn man sie sucht.
Und diese Metamorphosenlehre, mit der Goethe einen Anfang gemacht hatte, ohne ihn zielbewusst weiter fortsetzen zu können, wurde von Rudolf Steiner klar und umfassend begründet.
Aus dieser Metamorphosenlehre wurde der Unterricht gestaltet, durch den Rudolf Steiner wieder für das jetzige Zeitalter begonnen hat, die Initiationswissenschaft neu zu beleben. Der jetzige Initiationsweg geht zuerst über die Metamorphosenlehre, um dann weiter sich fortzusetzen in die Erlebnisse der Seelenkräfte, Temperamente, Sinne, Elemente usw.
Ein ganz wesentlicher Teil für die neue Heilkunst ist nun diese Lehre der Metamorphose des Lebens. Und da der Arzt oder der Heiler es mit dem Menschen selber zu tun hat, sei hier auf einige Metamorphosen im Menschen hingewiesen. Rudolf Steiner wies hin auf die Dreigegliedertheit der menschlichen Organisation, auf die Kopforganisation mit dem Sinnes-Nervensystem, die Gliedmassenorganisation mit dem Stoffwechselsystem, auf die Brustorganisation mit dem Atmungs- und Zirkulationssystem und auf die Umwandlung, die stattfindet aus dem einen Leben in das andere, wobei die Kräfte des Gliedmassenmenschen den Kopf gestalten, so dass man sagen kann, dass der Kopf des jetzigen Lebens das umgebildete Gliedmassensystem des früheren ist. So sind die Augen im Kopf Metamorphosen der Nieren aus der vorigen Inkarnation, die Ohrbildungen wiederum hängen zusammen mit der Galle und der Milz, in der Art, dass das linke Ohr aus den Kräften der Galle, das rechte Ohr aus den Kräften der Milz gebildet wird. Nun lehrt die Initiationswissenschaft, dass die Galle und Gallenblase mit dem Planeten Mars zusammenhängt und die Milz mit dem Planeten Saturn. Daher wissen wir auch, dass das rechte Ohr die Saturnkräfte, das linke Ohr die des Mars enthält, so dass eine Lemniskate entsteht, wenn man das linke Ohr mit der Gallengegend, das rechte mit der Milzgegend in Verbindung bringt. Solche Lemniskaten, in denen auch die Planetenbahnen verlaufen, finden wir in allen menschlichen Bildungsformen. Dadurch sind nicht zu unterschätzende Anhaltspunkte für das Verständnis des Menschen, die wieder zur Befruchtung der Therapie führen können, gegeben, worüber hier in einer weiteren Fortsetzung gesprochen werden wird.
Aber nicht nur aus der Metamorphosenlehre allein wird die Therapie unschätzbare Anregungen finden und sie zu handhaben lernen in der Heilkunst der Zukunft, sondern sie wird sich auch anregen lassen durch die der Göttin zur Seite stehenden Helferinnen, die Trägerinnen der sieben freien Künste, Dienerinnen der Planetengeister. Die sieben freien Künste sind abstrakt geworden in unserem alles zu Abstraktionen verzerrenden Zeitalter. Das Wesenhaft-Göttliche, das hinter den freien Künsten steht, hatte man vergessen und es kommt jetzt darauf an, das Wesen der sieben freien Künste, von denen wir jetzt nur noch die Namen: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie haben, wieder so lebendig zu erfassen und uns von ihnen anregen zu lassen, damit auch durch diese Anregung eine Erweiterung der Heilkunst geschehen kann. Und wie diese Erweiterung gedacht wird und in der Zukunft stattfinden kann, davon wird in den nächsten Aufsätzen die Rede sein.
